von Roland Albrecht
Was ist das Museum der Unerhörten Dinge? Museum : eine öffentlich zugängliche Sammlung von künstlerischen, wissenschaftlichen und technischen Gegenständen aus Vergangenheit und Gegenwart, ein Ausstellungsgebäude für solche Gegenstände, ein Ort der Forschung und des Bewahrens, ein geschützter Ort an dem ein Teil der bekannten Wirklichkeit aufbewahrt ist. Museum, Musensitz, ein Ort des Ungewöhnlichen und Seltsamen, der Wunder- und Kunstkammern. Die ursprüngliche Bedeutung eines Museums war im 16. Jahrhundert ein Studierzimmer und wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts zur Kunst- und Altertumssammlung. Im 19. Jahrhundert wurden Museen allgemein zugänglich, zur Belehrung und Bildung gedacht. Im späten 20. Jahrhundert wurde daraus ein Ort von Ereignissen und deren pädagogischer Aufbereitungen. Im Museum der Unerhörten Dinge ist dieser Ort eine literarische Wunderkammer, in der die Wirklichkeit in ihren Unglaublichkeiten repräsentiert ist. Unerhört , weil die Museumsexponate meist übersehene, unbeachtete und unerhörte Dinge sind. Diesen scheinbar uninteressanten Dingen widme ich mein Ohr, lasse sie reden, schweigen, schimpfen, anklagen, widme ihnen meine freischwebende Aufmerksamkeit und plötzlich erzählen sie unvermutete Geschichten und dies Erzählte sind dann meist unerhörte Geschichten, unglaubliche Erlebnisse, unwahrscheinliche Ereignisse. Dies nun Erhörte protokolliere ich und überprüfe es auf dessen Stimmigkeit und seine innere Plausibilität. Es ist jedoch nicht so, dass die Dinge immer die Wahrheit erzählen, sie geben an, übertreiben und setzen sich in ein besseres Licht, selbst Lügen sind nicht ausgeschlossen. So wollte mir doch tatsächlich einmal ein Stein aus dem Rhein bei St. Margarethen in der Schweiz, dort wo der Rhein in den Bodensee mündet, erzählen, er sei ein Stein der Weisen. Ich war anfangs unsicher, aber warum sollte er es nicht sein? Ich stellte Nachforschungen an und zog eine befreundete Museumsdirektorin, Senora Isabella Pereira aus Lissabon, die eine Kennerin der weisen Steine ist, zu Rate. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass alle weisen Steine gewisse, ihnen eigene individuelle Eigenschaften besitzen. Die Prüfungen, derer ich meinen Stein unterzog, bestand dieser nicht, er wurde als gemeiner Stein vom Rhein entlarvt. Dinge , weil es reale Dinge sind, die in diesem Museum beschrieben werden. Aber nicht nur Gegenstände, sondern auch Sprachliches, Geschehenes in dem Sinne, mit dem man oft sagt: "Das ist aber ein Ding!" Es sind keine zufälligen, beliebigen Dinge, es handelt sich meist um Begegnungen, häufig um richtiggehende Freundschaften. Meist sind es Dinge des Zufalls, die mir auffallen, die ich in Augenschein nehme. Es ist auch nicht so, dass ich die Dinge finde, zum Trödler gehe und mir irgend etwas aussuche, die Dinge finden mich, bezaubern mich, ziehen mich in ihren Bann und plappern manchmal sofort ihre Geschichte heraus, so als ob sie nur darauf gewartet hätten, gefunden und entdeckt zu werden, um ihre Erzählung los zu werden. Das sind die einen, die Plappermäuler, die anderen sind die Schweigsamen, öfters auch Verstockten. Sie schweigen manchmal Jahre vor sich hin, müssen erst Vertrauen schöpfen, Sicherheit bekommen, machen oft mehrere Anläufe, um dann wieder zu schweigen und dann doch noch, zuerst bruchstückhaft und langsam, immer mehr von ihrer Geschichte preiszugeben und mir anzuvertrauen. So sammeln sich die eigentlich wahren unerhörten Dinge im Depot des Museums an, alle haben schon etwas geflüstert, aber noch nicht so viel erzählt, dass es für ein breites Publikum von Interesse wäre. Alle haben natürlich schon eine Geschichte, die nämlich ihres zufälligen Fundes, meiner Beziehung zu ihnen und ihrer Beziehung zu mir, es sind Geschichten des Privaten, des Intimen. Die erhörten Dinge erzählen Geschichten, die über die persönlichen Beziehungen hinausgehen. 1998 wurde das Museum in der Galerie Raskolnikow, Leiterin und langjährige Freundin Iduna Böhning, mit 13 Exponaten gegründet. Die ersten Ansätze zum Ausbau dieses Internetprojekts wurden unterbrochen, denn im Frühjahr 2000 bekam ich von dem Vielleser, begnadeten Lacher und bibelfesten Fahrradhändler Bernhardt Hartmann in Berlin-Schöneberg in der Crellestraße zwischen den Hausnummern 5 und 6 gegenüber seines FahrradBüros, ein in einem umgebauten Hausdurchgang untergebrachtes Ladengeschäft bis Ende des Jahres zur Verfügung gestellt. Nun hatte die literarische Wunderkammer, das Museum der Unerhörten Dinge, einen festen Ort, einen Direktor, geordnete Öffnungszeiten und regelmäßigen Publikumsverkehr. Das Museum ist Mitglied in Museumsverbänden, beteiligt sich an den legendären Langen Nächten der Berliner Museen, an den Internationalen Museumstagen, präsentiert sich in anderen Städten, veranstaltet Sonderausstellungen, Lesungen u.a.m.. Es ist das meist besuchteste Museum Berlins, wenn man die Besucherzahlen mit den Quadratmetern des Museums hochrechnet. Es umfasst inzwischen ca. 50 beschriebene Exponate, die wechselnd im Ausstellungsraum präsentiert werden, ein immer umfangreicheres Museumsdepot mit über 300 noch nicht beschriebenen Dingen, einen Museumsshop und ein Museumscafé, das gegenüber liegende Café Mirell wurde dazu erklärt, denn was ist heute ein Museum ohne Shop und Kaffee? Einen Tag vor der Gründung des Museums 1999 besuchte ich die Landesausstellung Sachsens im seit über 600 Jahre durchgängig aktiven Zisterzienserinnenkloster MariaStern. Während der Führung wurde ich Zeuge folgenden Gesprächs: Vor dem Reliquiar des Wadenbeines des Heiligen Veit meldete sich plötzlich ein Besucher: "Sie haben hier dieses Wadenbein des Heiligen Veit, das kann ja nicht echt sein. Es gibt noch drei andere Kirchen mit Wadenbeinen des Heiligen Veit und ein Vierfüßler war er ja sicherlich nicht." Worauf die Sr. M. Geralda, soweit ich mich ihres Namens erinnere, entgegnete: "Ja, ich weiß, es gibt sogar noch mehr. Es ist doch schön, wenn es mehrere gibt, dann kann an vielen Orten des Heiligen Veits gedacht werden, und wissen Sie, die Frage nach der Authentizität entscheidet doch letztendlich der Glaube." Roland Albrecht
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