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Sonderaustellung


koenigCarola Scheil   -  Aus der Welt der Milarben

Zeichnungen und Plastiken
mit einem installierten Text über die Welt der Milarben von Roland Albrecht

Eröffnung: Freitag den 30. 3. 2007 um 19 Uhr
Sonderausstellung vom 31. 3. 2007 bis 22. 4. 2007

Öffnungszeiten Mi. - Fr. 15-19 Uhr, die Künstlerin ist anwesend
Für Voranmeldungen oder Schaulust außer den Zeiten Tel.: 030/8833182
Museum der Unerhörten Dinge - Crellestr. 5-6 - 10827 Berlin Schöneberg

 

Über das Feuchte und das Trockene

Das Volk der Milarben, von Miran Bedetti 1457 erstmalig beschrieben, lebt hinter den drei Bergen, am Scheibenrand der bekannten Welt.
Regiert wird das Volk der Milarben von dem Monarchen König Hahn. Ihm zur Seite stehen der Wächter und die Prinzessin. König und Wächter tragen Kämme auf dem Kopf, nur sie dürfen, ja müssen Kämme tragen, das verlangt das strenge Protokoll des Hofes. Ihnen ist bei Verlust des Lebens verboten, die Kämme abzulegen.

Wie jede Regierung dieser Welt unterscheidet sich dieser Hof durch zwei ihnen vorbehaltene Privilegien vom gemeinen Volk. Es sind zwei unumstößliche Unterschiede: Bei den Milarben sind es der erwähnte Kamm und der Flüssigkeitsaustausch.
Das gemeine Volk der Milarben kommuniziert überwiegend mit Speichel. Am Hof findet kein Austausch mit selbigem statt, jeder behält ihn für sich, tauscht ihn mit niemandem.

Was beiden, dem gemeinem Volk wie dem Hof gemeinsam ist, ist die Veränderung der Gestalt, die ständige Umformung des Aussehens.
Jeder Milarbe verändert sich ständig, nimmt nach Belieben Gestalt an, umformt sich nach Gutdünken. Sie treten in den verschiedensten Formen auf, immer in veränderten Erscheinungen. Die einen sind dick, die andern dünn, die einen hoch, die andern kurz, der gestern dick war, ist heute dünn, der hoch war, ist niedrig, der runde wird eckig, der ovale kantig, jede auch nur denkbare Form nehmen sie an, einmal runzlig wie eine alte Kartoffel, dann glatt wie ein Ei, verwachsen wie Ingwer, dann gerade wie ein Lineal. Einem Außenstehenden erscheinen sie wie sich ständig neumilarden formende amorphe Massen. So ist es kaum möglich, einen Milarben, dem man heute begegnet ist, morgen wieder zu erkennen. Daher hilft ihnen zur gegenseitigen Identifizierung nicht das Aussehen einer Person, die Anschauung, sondern das Schmecken des anderen, wozu sie den Speichel benutzen. Sie teilen sich darüber mit, erkennen sich im Austausch dieser körpereigenen Flüssigkeit.
Daher erklärt sich, warum der Hofstaat nur aus drei Personen besteht. Niemand würde den König Hahn erkennen, da der Speichelaustausch am Hofe verboten ist. So aber erkennen sich der König und der Wächter an den Kämmen, und da sie selbst wissen, wer sie sind, erkennen sie den anderen als den, der er ist. Der Wächter weiß, dass der andere Kammträger der König ist und dieser weiß genau, dass der andere mit dem Kamm nur der Wächter sein kann. Die Prinzessin, die keinen Kamm trägt, unterscheidet die zwei Kammträger, indem sie an deren Benehmen zueinander sieht, wer wer ist.

Die Flüssigkeitssprache der Milarben ist kein Bespucken, kein sich gegenseitiges Bespeien, wie wir es verstehen könnten. Es ist ein Träufeln, Besprühen, eine hochdifferenzierte Berieselungsart. Sie schleudern ihre Mitteilungen zielgenau in die Luft, diese werden freudig entgegengenommen, zu neuen Fontänen geformt, weiter gesendet, nie ihr Ziel verfehlend. Dieses fröhliche, feuchtfidele Spiel lässt die Milarben in ständigem Austausch zueinander stehen.

In der Sprache der Milarben heißt dies Brilatunum, ein schwer, fast nicht zu übersetzendes Wort, wie viele Worte aus nicht verbalen Sprachen. Brilatunum heißt soviel wie „Austausch von Feuchtigkeiten zur Erkennung und zum Verstehen einer anderen Person“. Darin wird schon ausgedrückt, dass es um mehr geht, als nur um eine optische Erkennung des anderen. Es geht um die Verkostung der individuellen Ausformung einer Person, um die charakterliche Identifizierung.

Einige Evolutionstheoretiker führen diese Kommunikationsform auf unseren durchlebten Evolutionszustand als Schleimtiere zurück. Einige Redensarten verweisen auf dieses Durchgangsstadium unserer Entwicklung, indem wir von „anschleimen“, „schleimiger Typ“ usw. sprechen. Eine Entwicklungsstufe höher wurde der Schleim durch Speichel ersetzt. Unser heutiger übliche Zungenkuss ist auch nichts anderes als der intensive Austausch von wasserlöslichen Salzen, Eiweißen, Muzinen, Maltasen etc. zur Erprobung der Chemie. Je nach dem, ob die Zusammensetzung als angenehm oder unangenehm empfunden wird, werden weitere Handlungen abgeleitet. In der Sprache offenbart sich dies z.B. in dem Satz: „Bei den beiden stimmt die Chemie (nicht)“. Nichts anderes machen die Milarben, sie verkosten die Chemie des anderen.
Viele Völkerkundler führen das überdurchschnittlich friedliche Leben der Milarben darauf zurück, dass sie sich durch diese Kommunikationsform so gut erkennen, und dass die Art und Weise, wie diese stattfindet, ihnen so viel Freude bereitet, dass sie sich fast nie ineinander täuschen und dadurch enttäuschen, und deshalb kaum Unzufriedenheit mit sich und den andern entsteht.
Am Hofe ist es etwas anders. Durch die dort vorherrschende Trockenheit entstehen Enttäuschungen, Hoffnungen und Unzufriedenheiten. Auf dieser Basis gedeiht das Wollen, etwas anderes zu haben als man hat.

So kam eines Tages König Hahn auf die Idee, eine Königin haben zu wollen und beriet sich mit seinem Wächter. Beide kamen überein, eine Staatsreform einzuführen und aus der Prinzessin eine Königin zu machen. Diese solle dann Königin Hähnin genannt werden.
Der Wächter und König Hahn beschlossen, den Plan in die Tat umzusetzen.
Der König umwarb die Prinzessin, sie wiederum lockte König Hahn, hielt ihn auf Distanz, wies ihn ab, suchte seine Nähe, um sich wieder zu entfernen.

Schon kam es zur ersten Umarmung, daraufhin zu einer zweiten, daraus folgte eine öftere und bald eine ständige. In der geplanten Paarung sollte die Verwandlung der Prinzessin zur Königin stattfinden.

Bei der Vorbereitung der Vereinigung legte König Hahn seinen Kamm ab. Er störte ihn. Dies verstieß gegen das eherne Gesetz des Kammtragens. Dieses verlangte die sofortige Tötung des Königs. Der Wächter schritt gleich zur Tat und tötete König Hahn hinterrücks mit einem Spieß.
Am anderen Tag wurde König Hahn II ausgerufen. Ihm wurde der Kamm aufgesetzt und verboten, an der im Volk üblichen feuchten Kommunikationsform teilzuhaben.
Alsbald kam er auf eine Idee..........

Roland Albrecht

 

 

 

 

 


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